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Leben der Väter und Märtyrer
ursprünglich in englischer Sprache verfaßt von Alban Butler

für Deutschland bearbeitet von Dr. Räß und Dr Weis




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Der heilige Severin, Glaubensprediger
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Der heilige Severin, - Glaubensprediger

  • Festtag, Gedenktag ist der 8. Januar
  • * in ?
  • am 8. 1. 482
Vorbemerkung

Die Herrschaft der Römer über unser Vaterland ging mit dem Schluss des vierten Jahrhunderts zu Ende. Die Völkerstämme jenseits der Donau, von ihren nördlichsten Nachbarn gedrängt, verließen ihre Heimat und zogen Südwestwärts davon. Die Vandalen, Alanen, Burgondionen und Sueven setzten über den Rhein und zogen nach Gallien, Spanien und zum Teil bis nach Afrika. In all diesen Ländern gründeten sie mehrere Reiche. Da war ein beständiges Wogen und Wechseln. Reiche wurden gegründet, Reiche wurden zerstört. Hatte sich ein wildes Volk irgendwo niedergelassen, so kam bald ein noch wilderes und vertrieb es aus den neuen Wohnsitzen.

Das wildeste unter all diesen Völkern war das Hunnenvolk. Das Hunnenvolk hatte sich unter seinem König Attila einen großen Teil von Asien unterworfen und zog um das Jahr 445 nach Europa. In Pannonien (von 9 bis 433 eine Provinz des Römischen Reiches) dem jetzigen Ungarn, schlug Attila seine Residenz auf. Seinem Heer schlossen sich Kriegslustige Heruler, Gothen und Rugier an. Über eine halbe Million war die Zahl seiner Krieger. Mit diesen zog er verwüstend und mordend durch Deutschland und Gallien. Ein Einsiedler hatte ihn einst die Geißel Gottes genannt. Nachdem er in Gallien furchtbare Schrecken verbreitet und unsägliches Elend angerichtet hatte, zog er nach Italien, zerstörte mehrere Städte und strürmte eben auf Rom los. Den Römern war alle Lust vergangen, sich gegen diesen siegreichen Eroberer zu verteidigen. Da verordnete Papst Leo I. ein allgemeines Fasten und forderte auf zur Buße. Dann ging er selbst, von seiner Geistlichkeit und von vielen Vornehmen der Stadt begleitet, dem furchtbaren Eroberer entgegen. Attila empfing ihn in seinem Zelte. Hier mahnte ihn der Stellvertreter Jesu Christi, seiner Eroberungssucht Grenzen zu setzen, und bat ihn, die Stadt zu verschonen. „Du hast bisher Alles überwunden, o König! lass`dich nun bitten, und überwinde dich selbst!” So sprach Leo zu diesem Eroberer. Attila gab diesen Worten Gehör. Sogleich brach er mit seinem Heer auf und zog sich zurück nach Ungarn. Bald darauf fand man ihn, in der Nacht nach seiner Hochzeitsfeier, erstickt in seinem eigenen Blut. Sein Reich ging in Trümmer. Die Heerführer der Rugier, Gothen und Heruler teilten sich in das selbe, machten dann fortwährend Streifzüge durch Deutschland und Italien und bekriegten sich gegenseitig. Das sah es in unserem Vaterland recht traurig aus. Noch viele, ehemals eingewanderte römische Familien, größtenteils Christen, waren noch im Lande, meistens in den festen Städten. Neben ihnen waren auch Eingeborene dem Christentum zugetan. Aber diese schwebten beständig in der größten Gefahr, all`ihre Habe und selbst ihr Leben zu verlieren. In diesem großen Elend sendete ihnen Gott einen heiligen Mann, der die Bedrängten tröstete, die Schwankenden aufrecht erhielt und zum Heil Aller unermüdet tätig war. Es ist dies der heilige Severin.

Die Legende des Heiligen Severin
Der Heilige Severin ist wahrscheinlich von Geburt ein Afrikaner gewesen. Nach dem Tode Attilas kam er nach Pannonien und Norikum. Damals stritten eben die Söhne Attila`s um die Herrschaft über das von ihrem Vater hinterlassene Reich. Verheerung und Mord war im Gefolge dieses Streites.

Severin erbarmte sich des geängstigten und bedrückten Volkes. Mit dem Ansehen eines von Gott gesendeten Propheten trat er unter dem ganz fremden Volk auf. Mit apostolischem Eifer und außerordentlichen Gnadengaben ausgerüstet, begann er seine segensreiche Wirksamkeit.

A. Wanderungen des Heiligen
Der erste Ort seiner apostolischen Tätigkeit war Asturius, das heutige Stockerau in Österreich, unter dem Wienerwald. Hier nahm er beim Küster der Kirche seine Wohnung. In dem kleinen Zimmer, das ihm eingeräumt wurde, führte er, wie ein Einsiedler in seiner Zelle, eine außerordentliche strenge Lebensweise. Selbst im strengen Winter ging er ohne Schuhe und oft fastete er mehrere Tage lang.

Severin war schon Priester, als er in diese Gegend kam. In Asturis war damals eine christliche Gemeinde samt der sie leitenden Geistlichkeit. Einst, da er nach seiner Gewohnheit dem Gottesdienst beigewohnt hatte, bat er die in der Kirche versammelte Geistlichkeit, es möchte ihm erlaubt werden, ein Wort an die Versammlung zu sprechen. Nun verkündete er in aller Demut und mit dem innigsten Mitleiden einen drohenden Überfall der Feinde über den Ort. Nur durch Fasten und Gebet und durch Werke der Barmherzigkeit könnten sie dies Unheil abwenden. Aber die Einwohner von Asturis gaben ihm kein Gehör. Sie bleiben verhärtet in ihrem gottlosen Sinne.

Nun kehrte der Diener Gottes in seine Wohnung zurück. Dem Mann, der ihn so freundlich aufgenommen und beherbergt hatte, sagte er noch den Tag voraus, an dem feindlicher Einfall geschehen werde. Dann verabschiedete er sich bei ihm, ergriff seinen Wanderstab und verließ die verstockte Stadt.

Auf seiner Wanderung kam der Heilige nach Comagenis in Unterösterreich, das heutige Tulln in Niederösterreich. Die Einwohner waren in großer Angst vor bald einbrechender Hungersnot oder vor Verheerung der Stadt. denn es lag noch eine feindliche Besatzung, wahrscheinlich von hunnischen Truppen in der Stadt, und die Lebensmittel gingen zu Ende. Severin ging in die Kirche, wo eine große Menge der Einwohner versammelt war. Hier forderte er die Versammelten zur Buße auf und versicherte sie, nur durch Gebet und Fasten und Werke der Barmherzigkeit könnten sie dem drohenden Strafgericht entgehen.

Die Leute waren so entmutigt, daß sie die Ermahnung des Heiligen kaum achteten. Plötzlich trat ein fremder Mann in die Kirche und verkündete vor allem Volke die gräßliche Verheerung seiner Heimat Asturis. Nur er sei dem Verderben entkommen, und er verdanke seiner Rettung einem heiligen Mann, der das Unheil vorhergesagt hat und ihn zur Flucht ermahnt habe. Als dieser Fremdling den heiligen Severin erblickte, erkannte er ihn als seinen Retter, fiel vor ihm auf die Knie nieder und verkündete den Anwesenden, dies sei der Mann, der das Verderben über Asturis voraus gesagt hatte, aber von den Einwohnern nicht gehört worden ist.

Jetzt gaben die Geängstigten dem heiligen Bußprediger Gehör. Sie bekannten ihre Sünden und beteten und fasteten bis auf den dritten Tag. Am dritten Tag blieben sie bis in die späte Nacht in der Kirche, um Gottes Erbarmung über sich herab zu flehen. Gegen Mitternacht begaben sie sich zur Ruhe. Auf einmal wurde um Mitternacht die Stadt durch ein Erdbeben erschüttert. Darüber erschraken die feindlichen Soldaten so sehr, daß sei in der größten Eile die Stadt verleißen und in der Verwirrung und Angst sich gegenseitig bekämpften und niedermetzelten. Die noch am Leben blieben, ergriffen schleunigst die Flucht.

Die Einwohner von Comagenis sahen nun ein, daß noch eine höhere Macht für sie streite, wenn sie , der göttlichen Mahnung folgend, ihrem Glauben entsprechend lebten. Sie priesen Gott für die wunderbare Rettung.

Zur selben zeit entstand in Fabiana, dem heutigen Wien, eine schreckliche Hungersnot. Die Einwohner der Stadt nahmen ihre Zuflucht zu dem Retter der Stadt Comagenis. Severin wurde von Gott gemahnt, sich der hilflosen und hungernden Leute anzunehmen. Er kam nach Fabiana und forderte das Volk zur Buße auf, wenn es die Hilfe des Herrn erfahren wolle. Man gab ihm Gehör und wendete sich zum Herrn mit Gebet und Fasten.

Durch göttliche Mitteilung erfuhr der Diener Gottes, daß eine adelige Witwe, Namens Procula, viel Getreide heimlich aufbewahrt hatte, um es zu ungemessenen Wucherpreisen zu verkaufen. An diese wendete sich Severin zuerst und sprach: „Wie magst du, eine freigeborene und adelige Frau, dich soweit erniedrigen und Sklavin des Geizes werden, der nach der Lehre des Apostels, Götzendienst ist? Eph. 5, 5. Siehe, Gott wird sich der Seinigen wieder erbarmen; du aber wirst mit deinem Getreide nichts mehr anzufangen wissen, außer du wollest es in die Donau werfen, und die Barmherzigkeit, die du den Menschen verweigert hast, den Fischen erweisen. Darum habe Erbarmen mit dir selber und mit den Armen. Höre auf, das für dich zu behalten, womit du Christum in den Armen speisen sollst.”

Erschütter durch diese Anrede begann die Witwe sogleich, das aufgespeicherte Getreide an die Armen auszuteilen. So wurde für den Augenblick geholfen. Als dieser Vorrat verzehrt war, kamen auf einmal mehrere mit Getreide beladene Schiffe auf der Donau herunter. Sie waren auf dem Inn eingefroren gewesen und bei plötzlich eintretenden Tauwetter wieder flott geworden. Das Staunen der Leute war darum so groß, weil sonst um diese Zeit das Eis nie geschmolzen war, und weil sie nach dem natürlichen Gange wohl hätten verhungern müssen, bis ihnen auf diesem Wege etwas zugekommen wäre. Diese wunderbare Hilfe schrieben sie Alle dem Gebete des heiligen Severin zu.

Die Überreste von Attila`s Heer streiften noch immer im lande umher und raubten und verwüsteten, wo sie keinen mächtigen Widerstand fanden. Sie kamen bis in die nächste Nähe von Fabiana, trieben die Herden mit sich fort und führten die Leute, die sie auf dem Felde trafen, in die Sklaverei. Ermutigt durch den heiligen Severin verfolgte der Stadthauptmann mit wenigen Kriegern diese Raubhorden. Diese hatten zwei Stunden von der Stadt entfernt gelagert. Beim Anblick der kleinen Schaar Krieger, die sie plötzlich überfielen, ergriffen sie eiligst die Flucht. Mehrere von ihnen wurden gefangen und vor Severin geführt. Dieser verwies ihnen ihr Räubergeschäft, lies sie mit Speise und Trank erquicken und schickte sie wieder zurück zu den Seinigen. Alles geraubte Vieh wurde den Eigentümern wieder zurückgestellt, und die weggeführten Gefangenen erhielten die Freiheit.

Nicht bloß in der Nähe von Fabiana und in den Gegenden an der Donau erfuhr man die wunderbare Kraft von Severins Gebet. Auch bis in das ferne Iuvavia, das heutige Salzburg, war sein Ruf gedrungen. Auch in diesen Gegenden entfaltete er seine segensreiche Wirksamkeit.

So hatten ihn die Einwohner von Cucullis, dem heutigen Kuchl in Salzburg, gebeten, zu ihnen zu kommen und ihnen seinen himmlischen Segen mitzuteilen. In diesem Ort waren noch Menschen, die sich insgeheim durch Darbringung heidnischer Opfer verkündigten. Äußerlich machten sie alle kirchlichen Gebräuche mit. Diese Halbheiden waren selbst ihren Nachbarn nicht bekannt. Severin wußte aus göttlicher Eingebung, daß dort solche Abgötterei getrieben werde. Diese Gräuel zu entdecken und abzuschaffen, begab er sich nach Cucullis. In der Kirche, wo das Volk versammelt war, angekommen, ermahnte er Alle zu einem christlichen Wandel. Dann ließ er durch die Priester des Ortes ein treitägiges Fasten anfangen. Die Leute sollten durch Bekenntnis ihrer Sünden und durch Werke der Buße wieder zurück kehren auf den Weg des Heils. Es war schon der dritte Tag dieser Bußübung. Die versammelte Menge hatte Wachskerzen mit sich gebracht. Der Psalmengesang war zu Ende, und es begann die Feier des heiligsten Opfers. Jetzt flehte der Heilige, auf den Knien liegend, zu der göttlichen Barmherzigkeit, es möchten doch die verstockten Sünder offenbar werde, damit sie durch aufrichtige Buße zu Gott gelangen könnten. Plötzlich fingen alle Kerzen der wahrhaft Gläubigen zu brennen an, und nur die Kerzen der Abgötterei blieben ohne Licht. Dies Wunder erschütterte die bisher Verhärteten der Art, daß sie augenblicklich vor allem Volke ihre Frevel und ihre Torheiten bekannten und aufrichtige Besserung versprachen. Und tatsächlich änderten sie ihren Wandel und zeichneten sich in der Folgezeit durch Werke der Gottseligkeit aus, wie sie davor durch Werke der Gottlosigkeit Unheil angerichtet hatten.

Im gleichen Ort drohte ein ungeheurer Schwarm von Heuschrecken sie ganze Ernte zu vernichten. Die Leute wendeten sich in ihrer Not an den heiligen Severin. Dieser versammelte das Volk in der Kirche und forderte es auf zur Buße und zum vertrauensvollem Gebete. Die Leute gehorchten. Alle versammelten sich in der Kirche und flehte zu der göttlichen Erbarmung um Hilfe in der größten Not. Während die Menge in der Kirche Psalmen sang und strenges Fasten hielt, ging einer der Bürger auf seine Äcker hinaus und verscheuchte die Heuschrecken von seinen Feldern. Auf diese weise glaubte er sich weit sicherer helfen zu können. Nachdem die Tage des Gebetes und der Buße vorüber waren, war auch das ganze Heer der Heuschrecken verschwunden. Alle Saaten standen in herrlicher Blühte da. Nur die Felder jenes Bürgers, der sich selber helfen wollte, waren ganz abgefressen. Der arme Mann mußte nun diejenigen, mit denen zu beten und fasten er verschmäht hatte, um Brot bitten, damit er mit seinem ganzen hause dem Hungertod entrinnen konnte.

In Passau hatte, wie wir es bereits gesehen haben, der heilige Valentin es dreimal versucht, das Volk zum wahren Glauben und zu einem gottesfürchtigen Leben zu bewegen. Nach seinem Tode offenbarten sich die Früchte seiner Bemühungen. Die Einwohner wurden durch viele Drangsale und leiden heimgesucht und wendeten sich in ihren Bedrängnissen zum Herrn, der sich ihrer erbarmte.

All diese Orte, an denen Severin zum Heile der Seelen gearbeitet hatte, lagen ihm stets am Herzen, wenn er auch in weiter Ferne sich aufhielt. So hatte er früher bei Salzburg ein Kloster gegründet und die Einwohner der Stadt zu einem gottgefälligem Leben aufgefordert. Nun wurde ihm einst, da er in seinem Kloster bei Fabiana sich aufhielt, von Gott geoffenbart, daß in der nächsten zeit ein großes Unheil über Salzburg kommen werde. Sogleich sendete er den Moderatus, der Kantor an seiner Kirche war, in die bedrohte Stadt und ließ den Einwohnern sagen, sie sollten samt und sonders ihre Stadt verlassen, sonst würden sie alle zu Grunde gehen. An all die jenigen, die in Severius Vorhersagung Zweifel setzten, oder sie gar nicht glauben wollten, sendete er noch einen Boten, Quintasius, an sie und trug ihm unter Tränen auf, er sollte den Unglücklichen sagen, wenn sie noch eine einzige Nacht in der Stadt blieben, so würden sie Alle eingeschlossen werden. Dem heiligen Priester Maximus aber ließ er noch besonders melden, wenn die Übrigen die Rettung verschmähten, so sollte doch wenigstens er durch Gottes Erbarmung sich retten lassen. Er fürchte indessen mit innigster Betrübnis seines Herzens, auch dieser werde die Mahnung nicht achten und mit den Übrigen seinen Tod finden. Der Bote richtete in größter Eile den Befehl des Mannes Gottes aus; allein die Einwohner Salzburgs glaubten ihm nicht. Der genannte Priester wollte ihn gastfreundlich bewirten und zurückhalten; allein der Bote kehrte eben so eilig, wie er gekommen war, wieder zurück. Der Priester blieb in der Stadt. In der selben Nacht überfielen die Heruler die Stadt, verwüsteten sie ganz, führten sie meisten Einwohner als Gefangene fort und hingen den genannten Priester an einem Pfahl auf. Die übrigen Geistlichen, die sich in die nächst gelegenen Berghöhlen versteckt hatten, wurden von ihnen ergriffen und über die Felsen hinabgeschleudert. Als Severin das jammervolle Schicksal der Stadt vernahm, war er tiefinnigst betrübt über die Unglücklichen, die ihm nicht gehorchen wollten.

Die Horden der Alemannen hatten die meisten Städte an der oberen Donau zerstört. Viele Familien waren auf den Rat des heiligen Severin nach Lorch geflüchtet, wo ehedem der heilige Maximilian als Bischof den Gläubigen vorgestanden war. Diese Flüchtlinge hatten von all ihrer habe fast nichts mit sich genommen. da entstand bald eine große Not. Viele waren fast ohne Gewand. Die meisten lebten von der Barmherzigkeit der Einwohner von Lorch. Der Heilige nahm sich aller an. Nahe und ferne sprach er die Vermöglichen um Brot und Gewand für die Unglücklichen an. Nahe und ferne offenbarte sich die Liebe durch reichliche Spenden. Selbst aus den fernen Gebirgen kamen Unterstützungen an. Von dort war einst ein frommer Mann, Namens Maximus, in Begleitung mehrerer Nachbarn im strengen Winter ausgegangen, um den Notleidenden Hilfe zu bringen. Sie Alle waren mit Kleidungsstücken für die Verarmten in Lorch beladen. Schon war das höchste Joch bestiegen, als eine solche Masse Schnee fiel, daß sie allesamt weder vorwärts noch rückwärts zu gehen wagten. Es war stockfinstere Nacht. Die Männer hatten unter den massenhaften Ästen eines Tannenbaumes ihre Herberge sich ausersehen. hier wurden sie so eingeschneit, daß sie am Morgen wie in einer unterirdischen Grotten vergraben zu seine glaubten. Während der Nacht hatte Maximus einen Traum, indem er eine Stimme und die Worte vernahm: „Fürchtet Euch nicht! vollendet, was ihr begonnen habt!” Durch diese Worte ermuntert, versuchten sie es, ihren weg fortzusetzen; aber die Schneemasse stand ihnen überall wie eine Mauer entegegen. Auf einmal sahen sie einen ungeheuer großen Bär. Sie aber kamen mit ihren Gewändern für die Armen glücklich in Lorch an. Als sie beim Heiligen gemeldet wurden, sprach er: „Der Name des Herrn sei gebenedeit! Sie sollen herein treten, denen ein Bär den Weg bereitet hat, auf dem sie hierher gekommen sind!” Über die Rede des Heiligen waren sie noch mehr erstaunt, als über ihren Wegweiser; denn sie erkannten daraus, daß ihm der Herr ihre Gefahr geoffenbart hatte.

Nun wurde auch die Stadt Lorch von den Alemannen bedroht. Der Heilige forderte die Leute auf, all ihren Lebensvorrat innerhalb der Stadtmauern zu verwahren, dann würden die herumstreifenden Feinde genötigt, die Gegend zu meiden. Dies geschah. Eines Tages ließ Severin dem Bischof der Stadt sagen, in der künftigen Nacht sollten alle Stadtmauern mit Wachen besetzt werden, und die Bürger sollten auf einen Angriff gefaßt sein. Anfangs wollte man ihm nicht Glauben schenken, es hatten nämlich die Späher nichts von den Feinden erfahren können. Der Heilige drang noch ernstlicher darauf und sprach endlich: „Wenn ich lüge, so steinigt mich!” Nun wurden die Wachen aufgestellt. Der Heilige verharrte mit seinen Mönchen im Psalmengesange. Viel Volk war in der Kirche zum Gebet versammelt. Auf einmal loderte durch Unvorsichtigkeit eines Knechtes auf dem freien Platz der Stadt ein Strohhaufen in hellen Flammen auf. Alles schrie und jammerte , denn man glaubte, die Feinde seien schon mitten in der Stadt und eben daran, die selbe in Brand zu stecken. Durch diesen Brand und den dadurch veranlaßten Lärm erschreckt, ergriffen die Feinde die Flucht, und die Stadt war gerettet. Das Feuer auf dem offenen Platz war bald gelöscht. Die Bürger kamen jetzt zu Severin, bekannten mit aufrichtiger Reue ihre Herzens Härte und baten den Heiligen um Vergebung ihrer Sünden.

B. Die Macht des heiligen Severin über die Herrscher der Barbaren.
Nicht bloß die Gläubigen hatten Ehrfurcht vor diesem treuen Diener des Herrn. Nicht allein die Katholiken offenbarte er die Macht, mit der ihn der Herr ausgerüstet hatte. Selbst Heerführer und Machthaber, die entweder in der arianischen Ketzerei besangen oder in die Finsternisse des Heidentums versunken lagen, wendeten sich in ihren Nöten an ihn und gehorchten seinem Worte.

Flacciteus, der König der Rugier, war von den Gothen in Unterpannonien hart bedrängt. Er hatte dem Anführer der selben den Durchzug durch sein Gebiet nach Italien verweigert. Jetzt war er in Angst, der selbe werde ihm die Schärfe seines Schwertes fühlen lassen. In seiner Furcht vor dem mächtigen Feind wendete er sich an den heiligen Severin und bat ihn um Rat und Hilfe.

Der Heilige sprach zu dem arianischen König: „Wären wir vereinigt in den Einen katholischen Glauben, dann würdest du mich von Allem in den Angelegenheiten des ewigen Lebens um Rat fragen. Nun kannst du nur über Zeitliches, das uns Beiden gemein ist, dich mit mir besprechen. Darüber vernimm nun folgenden Bescheid: Weder die Menge noch die drohende Feindseligkeit der Goten wird dich beunruhigen. Gar bald werden sie sich zurück ziehen, und du wirst in ungestörten Frieden herrschen. Dann gedenke aber auch meines Rates: Lebe auch mit dem Schwächsten deiner Nachbarn im Frieden und verlasse dich nicht auf deine eigene Kraft. „”Denn verflucht ist der Mann, der auf Menschen vertraut und Fleisch macht zu seinem Arm, und dessen Herz sich vom Herrn abwendet.„” Jer. 17,5.
Weiche den Nachstellungen aus und bereite selber keine! Dann wirst du im Frieden leben und in deinem Bett sterben.”

Flacciteus befolgte den Rat des Heiligen. Als ihm die Feinde einen Hinterhalt bereitet hatten und ihn verlocken wollten, sie zu verfolgen, blieb er dem Worte Severins gehorchend zurück und wurde dann fortan nicht mehr beunruhigt.

Selbst die Schaaren barbarischer Völker, die durch Fabiana nach Italien zogen, um dem altersschwachen und entnervten Römerreich ein Ende zu machen, kamen zum heiligen Severin und baten ihn um seinen Segen zu ihrem Unternehmen. Auch Odoaker, der Anführer der Heruler, der später in Italien das erste deutsche Königreich gründete, erschien in der Zelle des Heiligen. Damals war er ein aufblühender Jüngling von ungewöhnlicher Größe und Kraft. Er mußte sich bücken, als er durch die Türe in die Zelle des Heiligen eintrat. Seine Kleidung bestand aus Tierfellen. Zu ihm sprach der Heilige beim Abschied: „Ziehe hin nach Italien! zieh hin, mit elenden Fellen bedeckt; du wirst gar bald an Viel, die reichlichsten Schätze austeilen.” Einige Jahre darauf (476) stürzte Odoaker das Römerreich und ließ sich zum Könige von Italien ausrufen. Auf dem Thron erhoben gedachte Odoaker des frommen Severin und dessen Weissagung. Er schrieb ihm einen Brief und erklärte sich bereit, ihm zu geben, was er nur verlange. Severin bat, es möchte einigen aus Italien Verbannten erlaubt werden, wieder in ihre Heimat zurück zu kehren. Der König erfüllte sogleich diese Bitte und bewahrte seine Ehrfurcht vor dem Diener Gottes sein Leben lang.

Wie sein Vater Flacciteus, so hatte auch dessen Sohn Felekteus, der dem selben in der Regierung folgte, ein großes Vertrauen zu dem Diener Gottes Severin. Desto feindseliger war aber seine Gemahlin Eisa gegen ihn. Diese verlangte in ihrer arianischen Bosheit, daß ihre katholischen Diener nochmal getauft werden sollten. Ihr Gemahl war aus Ehrfurcht vor dem heiligen Severin gegen ein solches gottloses Unternehmen. Aber auch sonst bewies sie sich feindselig gegen die Katholiken. Einst war sie eben daran, etliche Männer in harter Gefangenschaft zu der niedrigsten Sklavenarbeit führen zu lassen. Da begegnete ihr Severin und bat um Freilassung dieser Gefangenen. Die Königin entgegnete ihm in ihrer Zorneswut: „Bleib du in deiner Zelle verborgen, du Diener Gottes, und laß uns mit dem, was unser ist, nach unserem Belieben verfügen.” Der Heilige sprach darauf: „Ich habe das Vertrauen zu Jesus Christus, daß sie gezwungen wird, tun zu müssen, was sie in ihrem bösen Willen nicht tun mag.”

Und wirklich blieb die Züchtigung nicht lange aus. Die Königin hatte fremde Goldarbeiter, die ihr königlichen Schmuck verfertigen mußten, in ein wohlbefestigtes Gefängnis bringen lassen. Zu diesen war der Königssohn Friedrich an dem selben Tag, an dem sie den Heiligen so verächtlich behandelt hatte, in seinem kindischen Leichtsinn hineingeraten. Die Goldarbeiter erklärten, wenn die Könige ihnen nicht die Freiheit schenke, so werde sie zuerst den Knaben, dann sich selber töten; sie hätten jetzt das Elend der Gefangenschaft schon lange genug ausgehalten.

Als der Königin dieses berichtet wurde, zerriss sie ihre Kleider und rief aus: „O Diener Gottes, Severinus, so rächt Gott die Unbild, die ich dir angetan. Diese Rache hast du über mich herab gerufen für die Verachtung deiner Bitte. So muß ich denn im Innersten meiner Seele das Unrecht büßen.” Sogleich ließ sie durch ausgesendete reitende Boten den Katholiken, für die Severin gebeten hatte, die Freiheit verkünden, und auch die eingesperrten Goldarbeiter wurden augenblicklich entlassen.

Als Severin dieses erfuhr, dankte er dem Herrn, der in seiner Weisheit gar oft die Bitten der Gläubigen nicht augenblicklich erhört, um sie später in einer weit herrlicheren Weise zu erfüllen. Die Königin aber kam sogleich mit ihrem Manne zu Severin und zeigte ihm ihren Sohn, dessen Erhaltung sie seinem Gebete dankte. Zugleich versprach sie ihm, nie mehr etwas gegen seinen Willen zu tun.

Severin hatte zur Erbarmung einer Kirche in Fabiana einen Baumeister, Namens Maurus, aus der Sklaverei los gekauft. Eines Tages sagte er zu dem selben: „Verlasse heute den Ort nicht; heute droht dir große Gefahr, wenn du ausgehst.” Maurus aber ließ sich von einem Gefährten überreden, ein Paar Stunden weit zu gehen, um Obst zu sammeln. Plötzlich fielen Räuberhorden über ihn her, und führten ihn als Gefangenen über die Donau hinüber. Severin saß in seiner Zelle. Wie er das Buch, indem er gelesen hatte, zuschloß, rief er auf einmal: „Sehet nach Maurus, ob er zu Hause sei!” Als man ihn nirgends fand, machte sich Severin sogleich auf den Weg, eilte den Räuberhorden nach und forderte die Loslassung seines Baumeisters. Die wilden Menschen fühlten Ehrfurcht vor dem Ansehen dieses Diener Gottes und gaben ihm willig seinen Baumeister zurück.

Felekteus kam öfters zu Severin, um sich bei ihm Rat zu holen. Einst faßte er den Plan, einen Teil des Volkes, das sich in der Umgegend von Lorch in großer Menge aufhielt, in seine Besitzungen jenseits der Donau zu verpflanzen. Die Leute hörten von diesem Plan und waren darüber sehr bestürzt. Sie baten den heiligen Severin, er möchtze doch den König von diesem Vorhaben abbringen, damit sie im Lande bleiben können.

Severin trat vor dem König und sprach: „Friede sei mit dir, bester König! Ich komme zu dir als Abgesandter Jesu Christi, um für die Untertanen eine Gnade zu erflehen. Gedenke der Gnade und der göttlichen Wohltaten, die dein Vater in so reichlicher Fülle empfangen hat. So lange er regierte, unternahm er nie etwas ohne meinen Rat. Nie widerstand er heilsamen Ermahnungen: darum hatte er so viel Glück. Er hat es erfahren, welchen Gewinn der Gehorsam bringe, und wie heilsam es für den Sieger sei, durch Siege sich nicht aufblähen zu lassen. Darum laß dies Volk in seinen jetzigen Wohnsitzen und beunruhige es nicht.”

Der König entgegnete: „Dies Volk, für das du bittest, soll nicht eine Beute der Alemannen und Thuringer werden; es soll nicht von diesen niedergemetzelt oder in die Sklaverei abgeführt werden. Deshalb will ich`s in meine Städte und Castelle verpflanzen, in denen es vor ihnen gesichert ist.”

Darauf sprach Severin: „Sind denn diese Menschen durch ein Schwert den wilden Barbaren entrissen worden? War es nicht Gottes Erbarmung, die sie aus ihrer Hand befreite? Wie willst du sie jetzt zu deinen Sklaven machen? So überlass`denn, bester König, diese Leute meiner Obsorge! Würdest du sie durch dies große Heer weg führen lassen, so hätten sie weit mehr das Ansehen von Kriegsgefangenen als von Auswanderern. Ich habe das vertrauen zum Herrn, Er werde mir, dem Genossen ihrer Leiden und Trübsale, gewiß beistehen, daß ich sie so leiten kann, wie ich dir`s gelobe und vor Gott schuldig bin.”

Damit gab sich Felekteus zufrieden und kehrte mit seinen Truppen wieder zurück. Severin aber führte die Menge von Fremden, die sich nach Lorch hin geflüchtet hatte, in die neuen Wohnsitze, die ihnen der König angewiesen hatte. Hier lebten sie in seiner Regierung in Frieden.

Severin kehrte darauf wieder in sein Kloster zu Fabiana zurück. dahin ließ er kurze Zeit vor seinem Tode den König Felekteus samt seiner Gemahlin Eisa zu sich kommen. Hier ermahnte er noch Beide zur Milde und Schonung. Zur Königin aber sprach er zuletzt: „So höre denn auf, die Unschuldigen zu unterdrücken. Viel Unrecht hast du und auf dein Anstiften der König verübt. Oft hast du die Milde und Güte des Königs vereitelt. Höre auf, damit ihr nicht auf solche Weise euren Thron stürzt.”

Als die Königin durch diese Rede sich beleidigt erklärte, sprach der Heilige: „Ich bin ein Diener Gottes, wenn auch ein geringer, und werde bald vor Ihm erscheinen. Ich beschwöre euch Beide: Lasset ab vom Unrecht und ehret euer Königtum durch Milde und Wohltun! Bisher hattet ihr Glück; wie es euch ferner gehen werde, das liegt bei euch.”

Beide versprachen dem Heiligen, seine Ermahnungen zu befolgen, und nahmen Abschied von ihm. Severin aber sagte noch die nahe Verwüstung Norikums voraus, ermahnte die romanischen Einwohner, nach Italien zu ziehen und dann auch seine Gebeine mit zu nehmen. Dem Bruder des Felekteus, Friedrich mit Namen, gab er ähnlich Ermahnungen und drohte ihm mit den Strafgerichten Gottes, im Falle er seine Zelle und sein Kloster berauben würde. Aber gerade er war es, der mit gottesräuberischer Hand Severins Heiligtum bald nach dessen Tode verwüstete.

C. Wunder des heiligen Severin.
Dieser Diener Gottes wirkte vor Allem durch sein heiliges Leben und durch die Macht seines Wortes. Alle Güter und Ehren der Welt verachtend, opferte er sich ganz dem Dienste der Armen, in Irrtümern und Sünden versunkenen Menschen. Dies machte einen gewaltigen Eindruck auf Alle, die in seine Nähe kamen.

Der Her hatte aber seinen treuen Diener wie einst die Propheten auch mit der Wundergabe und mit der Gabe der Weissagung ausgerüstet. Von seinen Weissagungen haben wir schon mehrere von höchster Wichtigkeit kennen gelernt. Wir wollen hier noch einige Wunder des Heiligen beifügen.

Als der Heilige seine Zelle bei Fabiana bewohnte, brachte eine arme Witwe aus dem Gebiete der Rugier ihren einzigen Sohn auf einem Karren vor seine Türe. Der selbe litt schon seit zwölf Jahren an allen seinen Gliedern furchtbare Schmerzen. Sein Elend und sein leiden war allgemein bekannt. Die Witwe bat den Heiligen, er möchte doch ihren Sohn gesund machen. Voll Mitleid mit dem armen Kranken rief Severin aus: „Wie könnt ihr doch Solches von mir verlangen? Wie möget ihr mir zumuten, was über meinen Kräften ist?” Zugleich befahl er dem Weibe, sie sollte nach Vermögen Almosen geben, dann werde Gott dem Sohne helfen. diese ging hin, zog ihr Obergewand aus und wollte es zerteilen, um es den Armen geben zu können. Als man dies dem heiligen sagte, staunte er über die Willigkeit der Witwe und befahl ihr, das Gewand wieder anzuziehen. Wenn Gott dem Sohne die Gesundheit verleihe, dann solle sie Almosen geben, wie sie es gelobet habe. Nun befahl er ihr, mehrere Tage lang zu fasten und zu beten. Auch er betete mit der ganzen Kraft seines Glaubens zum Herrn. Auf dies Gebet wurde der Armselige vollkommen gesund und konnte zu Fuß in seine Heimat zurück kehren. Später kam er oft dahin, wo viele Leute zusammen kamen. Alles wunderte sich über seine Heilung, er aber bekannte allenthalben, daß er dem Gebet des heiligen Severin die wiedererlangte Gesundheit danke.

Eine Frau war Jahre lang krank gelegen und schon dem Tode nahe. Alle Hoffnung auf eine Rettung war dahin. Die Kranke faßte noch Vertrauen zu dem Gebete Severins und ließ sich vor seine Zelle tragen. Als Severin die Leute vor ihm stehen sah, sprach er: „Was wollt ihr denn von mir?” Daß du dieser Armen Verlängerung des Lebens erbittest  —  antworteten diese. Der Heilige aber entgegnete mit Tränen in den Augen: „Wie mögt ihr von mir Armseligen Solches verlangen? Ich bin nicht wert, so ein Werk zu wirken. Ich bedarf selber der Verzeihung meiner Sünden.” Als die Leute wiederholt ihren festen Glauben an die Kraft seines Gebetes aus sprachen, warf sich der Heilige auf die Erde nieder und betete. Indessen erhob sich die Kranke und war vollkommen gesund und verrichtete wieder ihre ländlichen Arbeiten, wie ehedem.

Severin aber sprach zu den Leuten: „Nicht meinen Werken, sondern Eurem Glauben sollt ihr diese Heilung zuschreiben. So müssen Gottes Wege unter allen Völkern offenbart werden, auf daß alle den einen wahren Gott erkennen, der allein Wunder tut im Himmel und auf Erden.”

Während seines Aufenthaltes in Passau war Severin von den Einwohnern von Quintanis (Künzing bei Osterhofen) einegladen worden, sie mit seiner Predigt und mit seinem Segen zu erfreuen. Der Heilige kam und fand die Kirche dort außerhalb des Ortes auf Pfeilern erbaut, durch Pfähle festürtzt und statt eines Pflasters mit einem Bretterboden versehen.

Es war eben eine große Trockene im Lande. Severin konnte den Grund einer solchen Bauart nicht einsehen und fragte, warum denn die Kirche kein Pflaster habe. Da wurde ihm erzählt, wie hier die Donau gar oft das Ufer überschreite, das Kirchlein bedrohe und den festen Boden auswühle und wegspühle. Severin befahl, den Boden des Kirchleins mit einem Steinpflaster zu versehen, und versicherte die Leute, das Wasser der Donau werde diese Stelle nie mehr berühren. Dann hieb er selbst die Stützpfeile um, stellte in der Nähe des Kirchleins ein Kruzifix auf und sprach, zum Fluß gewendet: „Nie lasse dich mein Herr Jesus Christus fernerhin dieses Zeichen überschreiten!” Dann verkündete er dem Volke die Lehre des Heils und kehrte wieder zurück. Der Fluß aber trat von dieser Zeit nie mehr so weit über die die Ufer, daß er die bezeichnete Stelle berührt hätte.

Außerdem berichtet der Jünger des heiligen Severin noch die Erweckung eines Toten zu Comagenis, die der Heilige durch sein Gebet gewirkt hatte. Ebenso die wunderbare Heilung eines Aussätzigen. Dann erzählt er, wie der Diener Gottes über hochmütige Mönche die Züchtigung Gottes herab gerufen, um sie vor dem ewigen Verderben zu bewahren. Unzählige Male bewahrte er seine Brüder vor einem Unglück, indem er ihnen die drohende Gefahr vorher verkündete, und durch die Kraft seines Gebetes wendete er unsägliches Elend von den Gläubigen ab.

Endlich nahte der Tag der Scheidung dieses Mannes Gottes von der Erde. Am 5 Januar 482 befiel ihn Seitenstechen. Es dauerte drei Tage lang. Da ließ er mitten in der Nacht alle seine Jünger zusammen rufen und redete sie also an: „Geliebte Brüder in Christo! Ihr wißt, wie einst Jakob vor seinem Tode seine Söhne vor sich kommen ließ, wie er jeden einzelnen mit prophetischen Segensworten beglückte und ihnen die Geheimnisse der Zukunft verkündete. Ich in meiner Armseligkeit, der ich diesem so weit nach stehe, will mir Solches durchaus nicht anmaßen. Nur Eines, das meiner Niedrigkeit zusteht, will ich nicht verschweigen: Ich will euch hinweisen auf das Beispiel der Vorfahren. Auf das Ende ihres Wandels sollt ihr schauen und ihren Glauben sollt ihr nachahmen!” Dann lobte er ihren Eifer, ihre brüderliche Liebe, ihre Keuschheit und ihre Demut. Er forderte sie auf, vor dem Auge Gottes sich zu prüfen, fortwährend so ein demütiges Herz als ein Ihm wohlgefälliges Opfer Gott darzubringen. Das Gewand und der Name eines Mönches helfe nichts; der Wandel mach den Mönch: Verachtung der Welt und ihrer Gelüste, das Streben nach Tugend. „Doch, so schloß er seine Abschiedsrede, was halte ich euch hin, geliebteste Söhne? Ich schließe mit den Worten des Apostels: Und nun empfehle ich euch Gott und dem Worte seiner Gnade; Ihm, der mächtig ist, euch zu bewahren und euch das Erbteil zu geben in der Heiligung   —  Ihm sei Ehre und Herrschaft in alle Ewigkeit, Amen”

Nachdem der heilige Severin selig im Herrn verschieden war, erinnerten sich die Älteren aus seinen Brüdern der früheren Weissagung des Heiligen, daß das ganze Land in die Hände der Barbaren kommen, und sie selber nach Italien auswandern würden. Auch gedachten sie seines Befehls, daß sie seinen Leichnam mitnehmen sollten. Zu diesem Zwecke legten sie den Leib des Heiligen in einen Sarg von festem Holze und begruben ihn.

Bald darauf überfiel Friedrich, der raubgierige Bruder des Königs Felekteus, das Kloster des heiligen Severin und plünderte es. Als Strafe für diesen Frevel sah man es an, daß er, von Odoaker bekriegt, unterlag und als Flüchtling sein Leben im Elende enden mußte.

Sechs Jahre darauf ging die Herrschaft der Römer in Norikum ganz zu Ende. Barbarische Völker bemächtigten sich des ganzen Gebietes und nötigten die römischen Einwohner zur Auswanderung. diese vergaßen nicht, die Gebeine Severins mitzunehmen. Unter Gebet wurde am Abend vor der Abreise der Sarg des heiligen geöffnet. Der Leib war noch ganz unversehrt. Nicht ein Haar von seinem Bart oder von seinem Haupte war ausgefallen. Obwohl man ihn ohne alle Spezereien in den Sarg gelegt hatte, verbreitete er doch den lieblichsten Wohlgeruch um sie. Die Auswanderer brachten den heiligen Leib zuerst nach Monte Leone. Dann wurde der selbe nach Cucullum gebracht und endlich nach Neapel übersetzt. Dort wird der treue Diener Gottes noch fortwährend durch zahlreiche Wunder, die Gott durch ihn wirkt, verherrlicht.
(Eugippius ap. Bolland.)

Quelle:

  • BAVARIA SANCTA - Leben der Heiligen und Seligen des Bayerlandes
    zur Belehrung und Erbauung für das christliche Volk - Bearbeitet von Dr. Magnus Jocham, Professor der Theologie und erzbischöflicher geistlicher Rat - Mit Gutheißung des hochwürdigsten Erzbischöflichen Ordinariats München - Freising, (1861)

BAVARIA SANCTA
Leben der Heiligen und Seligen des Bayerlandes
Band I - Erster Abschnitt
Bayern unter der Herrschaft der Römer
    Erster Abschnitt
    Bayern unter der Herrschaft der Römer
    »» Vorbemerkung ««
  1. Maximilian
  2. Florianus
  3. Victorin
  4. Quirinius
  5. Afra
  6. Narciissus und die Bekehrung Afra`s
  7. Cassian
  8. Sisinius, Martyrius, Alexander
  9. Vigilius
  10. Maxentia, Mutter des Vigilius
  11. Claudianus, Majorianus
  12. Romedius u. Gefährten
  13. Valentin
  14. Severin
  15. Silvinus
  16. Maximus u. die 50 Märtyrer



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